Gedanken aus dem Klinikalltag: Energie, Erschöpfung und Realität in der Tiermedizin

Energie, Aufmerksamkeit und Mitgefühl sind begrenzt. Ein ehrlicher Blick auf den Praxisalltag – und warum nicht alles an fehlendem Wissen liegt, sondern oft einfach multifaktoriell ist.
Der tierärztliche Alltag ist oft geprägt von hoher Arbeitsbelastung, Zeitdruck und emotionalen Herausforderungen.
Zum Glück musste ich in meinem Leben noch nie selbst operiert werden. Sollte es einmal nötig sein – und sollte ich zusätzlich das Glück haben, dass es sich um eine geplante Operation handelt –, wäre meine erste Frage bei der Terminplanung:
Wie viele Stunden haben Sie vor meiner Operation bereits gearbeitet und wer war vor mir dran?
Dass wir alle kein Perpetuum mobile sind und unsere Energie sowie unsere Aufmerksamkeitsspanne begrenzt sind, merke ich in meinem Arbeitsalltag praktisch täglich.
Ich persönlich brauche viel Wasser, damit mein Gehirn gut arbeiten kann. Wenn es in der Klinik einmal acht Stunden am Stück ohne Pause hoch hergeht, komme ich zwar ohne Essen gut zurecht – aber meine Konzentration bleibt nur dann wirklich stabil, wenn ich zwischendurch etwas trinken kann.
Auch meine Geduld und mein Mitgefühl sind nicht grenzenlos, sondern unterliegen im Laufe des Tages spürbaren Schwankungen. Compassion fatigue erlebe ich nicht nur nach mehreren intensiven Wochen, sondern manchmal auch nach mehreren fordernden Patienten hintereinander – wenn sich ein Fall an den nächsten reiht und kein Raum bleibt, einmal kurz durchzuatmen.
Wir Tiermediziner:innen machen nicht nur durch unser Wissen einen Unterschied im Leben unserer Patienten, sondern auch durch unser Engagement, unser Interesse und unsere Begeisterung für die Medizin, für die Tiere und für ihre Besitzer.
Wenn man bedenkt, dass nicht nur wir Tierärzt:innen, sondern auch die Tierhalter Menschen mit emotionalen Schwankungen sind – und unsere Patienten zudem einer anderen Spezies angehören –, ist es eigentlich fast ein Wunder, wenn eine Behandlung für alle Beteiligten reibungslos verläuft.
So viele Faktoren spielen hier eine Rolle, so viel kann schiefgehen – und trotzdem ist der erste Gedanke, wenn etwas nicht funktioniert, oft: „Ich bin schuld.“ Meist gehen wir davon aus, dass es an einem Mangel an Wissen liegt.
Ich würde hier einmal in den Raum stellen, dass es manchmal auch einfach daran liegt, dass keine Zeit für ein Glas Wasser war. Oder dass der vorherige Patient noch zu sehr in unseren Gedanken präsent ist. Oder dass der Besitzer davor einen Streit mit seinem Vermieter hatte. Oder dass der Hund vom Summen der Klimaanlage irritiert war.
Wir sind kein Perpetuum mobile, keine Maschinen – und bei weitem nicht perfekt. Niemand ist das.
Die beste – und wohl ehrlichste – Antwort auf die Frage „Was ist hier passiert?“ ist oft:
Es ist kompliziert.
Wer sich in einem gesunden Arbeitsumfeld bewegt, wird im nächsten Schritt gemeinsam Fehler erkennen und analysieren, Abläufe verbessern und Wissen weiterentwickeln.
Das Wort „multifaktoriell“ in den eigenen täglichen Sprachgebrauch zu integrieren, kann dabei erstaunlich hilfreich sein – um Stress zu reduzieren, Druck herauszunehmen und Situationen realistischer einzuordnen.